Linguistische Ansätze in der Übersetzungswissenschaft. Äquivalenz

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In diesem Kapitel lernen Sie linguistisch orientierte Ansätze in der Übersetzungswissenschaft kennen, die insbesondere für die ältere Phase der Übersetzungswissenschaft charakteristisch waren und "Äquivalenz" als wichtigstes Kriterium bei der Übersetzung postuliert haben.

Die Übersetzungswissenschaft, die sich in den 1950er und 1960er Jahren als Teildisziplin der angewandten Sprachwissenschaft herausbildete, war am Anfang stark linguistisch geprägt.

In der Sprachwissenschaft der 1950er und 1960er Jahre herrschte die Ansicht, die Sprache sei ein bestimmtes, von den die Sprache benutzenden Menschen getrennt existierendes Regelsystem, ein Kode. Am Beispiel der formalen Logik wurde von einer Symmetrie, einer Eins-zu-Eins-Entsprechung zwischen einzelnen Sprachen ausgegangen, aufgrund welcher auch die sprachlichen Elemente einander zuzuordnen seien. Obergrenze der sprachwissenschaftlichen Analyse war der Satz, der als eine lineare Kette einzelner Phänomene definiert wurde und bei der Übersetzung durch eine Kette äquivalenter Einheiten der Zielsprache ersetzt werden sollte (=Kodewechsel).

Übersetzungswissenschaft als ein Teilbereich der modernen Sprachwissenschaft hatte die linguistischen Konventionen und Begriffe übernommen und deshalb war es selbstverständlich, dass Übersetzung als eine streng linguistische Operation aufgefasst wurde. Exemplarisch für die derzeit herrschende Position ist die folgende Argumentation von Mounin:


Die Übersetzung ist niemals eine einzige und ausschließlich linguistische Operation, aber sie ist zuallererst und immer eine linguistische Operation (Mounin 1967: 61).

 

Die zentralen Begriffe der linguistisch orientierten Übersetzungswissenschaft waren die „Äquivalenz“ und die „Invarianz“.

Der Begriff der Äquivalenz wurde in die deutsche Übersetzungswissenschaft in den 50er Jahren aus den technischen Disziplinen oder aus der formalen Logik übernommen, als man in der Euphorie der ersten Erfolge der maschinellen Übersetzung noch hoffte, in jeder Sprache Elemente finden zu können, die mit Hilfe eines einfaches Regelsystems durch äquivalente Elemente einer anderen Sprache ersetzt werden könnten. Es wurde angenommen, zwischen den einzelnen Sprachen gebe eine Art Symmetrie, aufgrund welcher ihre Elemente einander zuzuordnen seien. Mit dem Begriff "Äquivalenz" bezeichnet man also die Beziehung zwischen Ausgangstext und Zieltext.

Mit dem Begriff der Äquivalenz ist eng verbunden "Invarianz". Der Begriff der Invarianz wurde aus der strukturellen Linguistik übernommen. Als invariant sollten jene Elemente bezeichnet werden, die zwischen Ausgangs- und Zieltext nicht verändert werden.

Als Invarianten bezeichnet man jede Elemente eines Ausgangstextes, die bei einer Translation (möglichst) unverändert im Zieltext erhalten bleiben (Prunc 2003: 34).

In folgenden Unterkapiteln behandeln wir einige wichtige Vertreter der linguistisch orientierten Translationswissenschaft.